Vom Wert des Müßiggangs für unseren Lebensweg

Geld fürs Nichtstun? Das geht doch nicht!

Das Presse-Echo war enorm, als die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg im September 2020 drei mit je 1600 Euro dotierte Stipendien fürs Nichtstun ausschrieb. In meinem Bekanntenkreis war die Reaktion darauf zunächst Unglauben („Einfach nur fürs Rumliegen und Fernsehen?“), gefolgt von Empörung („Was soll das denn? Das geht doch nicht!“) und schließlich der Forderung nach Beteiligung („Dann will ich das auch!). Die Emotionen beruhigten sich erst wieder, als ich klar machte, dass es sich um keine Tombola handelte. Denn das Geld gab es erst, wenn du mit einer Bewerbung die Jury überzeugt und am Ende einen Projektbericht zu deinem Nichtstun abgeliefert hättest. „Ach so…“ Die Welt war wieder in Ordnung. Nichtsdestotrotz haben sich die meisten der über 1700 Bewerber aus aller Welt weniger Gedanken um das Geld, sondern mehr um grundsätzliche Fragen gemacht. Das war ganz im Sinne der  „Schule der Folgenlosigkeit“ (Prof. Dr. Friedrich von Borries) in deren Rahmen die Stipendien vergeben wurden. 

Auch den gemeinnützigen Verein „Mein Grundeinkommen e.V.“ treibt nicht nur die Mildtätigkeit an. Seit 2014 hat der Verein 731 spendenbasierte Grundeinkommen von monatlich 1000 Euro verlost – und zwar bedingungslos – ohne Gegenleistung und Berichtspflicht. Antreiber ist die Frage, was es mit den Menschen macht, wenn sie über eine grundlegende finanzielle Absicherung verfügen.

Die Fragen, die ich mir stelle, gehen in eine ähnliche Richtung:

Was macht Nichtstun und Müßiggang so schwierig für uns?

Woher kommt das schlechte Gewissen, wenn ich nichts tue?

Und welchen Wert hat das Nicht-Tun außer dem, dass es (vielleicht) keine negativen Folgen hat?

„Lassen wir uns nicht täuschen: Auch unser Nichtstun setzt etwas in Bewegung.“
(Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer und Schriftsteller, *1955)

Eine Prämisse unserer Zeit: Mehr schaffen, mehr haben, mehr sein.

Aktivität schafft Identität

Unsere industrialisierte und dienstleistungsorientierte Gesellschaft hält das Individuum dazu an, sein Leben möglichst (pro-)aktiv, effizient und zielgerichtet zu gestalten.

Wir streben nicht nur nach dem perfekten, lückenlosen und an Auszeichnungen reichen beruflichen Werdegang. Selbst das Chillen setzen viele bei facebook, Instagram und Twitter gesellschaftskonform in Szene. Wer nichts tut, von dem er berichten kann, fühlt sich schnell wertlos. Einfach nur Man-Selbst-Sein kann also gefährlich werden.

Allgemein ist die Hast, weil jeder auf der Flucht vor sich selbst ist, allgemein auch das scheue Verbergen dieser Hast, weil man zufrieden scheinen will und die scharfsichtigeren Zuschauer über sein Elend täuschen möchte […].“ (Friedrich Nietzsche, deutscher Philosoph und klassischer Philologe, 1844 – 1900)

Neben dem „was tust du gerade?“ ist es auch das „Wo willst du hin?“ das Identität stiftet.

Im Bewerbungsgespräch werden wir nach unseren Zielen und Plänen zum Aufstieg gefragt. In der Naturwissenschaft wird die Weiterfinanzierung nach einer bestimmten Zeit schwierig, wenn man einfach „nur“ weiter forschen und nicht habilitieren möchte.

Oft geht es also gar nicht darum, wohin wir wollen, sondern darum wohin wir wollen sollten, de facto ein MÜSSEN.

Geschäftigkeit statt Schaffen

Da wir nicht pausenlos (Höchst-) Leistung bringen können, ohne Schaden zu nehmen, retten wir uns nicht selten in geschäftige Betriebsamkeit. Anstrengend, ineffizient und nicht erfüllend, aber  immerhin vorzeigbar.

Denn Arbeits- und Beschäftigungslosigkeit  sind ein Tabu.

Bekommt man Hartz IV ist man angeblich faul und TV-süchtig.

Als Schriftstellerin mit Schreibblockade soll man sich wenigstens um die Kinder kümmern.

Als Doktorand, dessen Anstellung nicht weiter finanziert wird, der aber dennoch 10 Stunden täglich an seiner Arbeit schreibt, überlegt man sich genau, wie man seine Tätigkeit bei Freunden, Bekannten und Fremden als möglichst produktiv beschreiben kann – oder man redet gar nicht darüber.

 „Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Leben.“ (Kurt Tucholsky, deutscher Journalist und Schriftsteller, 1890 – 1935)

Instrumentalisierte Achtsamkeit

Auch Methoden der Achtsamkeit, dem gesellschaftsfähigem Nichtstun, werden in zunehmendem Maße instrumentalisiert, um besser aktiv sein zu können.

„Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da – tu irgendetwas, sollten wir das Gegenteil fordern: Tu nicht einfach irgendetwas – sitz nur da.“ (Thích Nhất Hạnh, buddhistischer Mönch und Schriftsteller, *1926)

Manager meditieren und machen Yoga, um noch mehr Stunden pro Woche arbeiten zu können.

Angestellte holen sich in Kontakt-Improvisations-Kursen den menschlichen Kontakt und die Kreativität, die sie in ihrem Arbeits- und Familienalltag vermissen.

Und auch als Coach kann man nur die Lösung des aktuellen Problems bearbeiten, so dass Klienten ihre Business-, Karriere- und sogar Familienpläne rein mit dem Kopf erstellen.

Nicht selten stehen dadurch statt Bewusstwerdung und Verwirklichung Burnout, Depression oder Scheidung ins Haus.

Nichtstun als Herausforderung

Sich dem Nichtstun hinzugeben, ist nicht unbedingt angenehm.

Natürlich kann Nichtstun in den Händen von geschultem Spa-Personal der pure Luxus sein. Doch lässt man alle (Entspannungs-)Pläne los und die Unsicherheit zu, dann haben sie endlich Raum, unsere leisen, bislang ausgeblendeten inneren Stimmen.

Wir begegnen uns selbst – und das kann Angst machen.

Kein Wunder also, dass während des ersten Shutdowns in der COVID-19-Pandmie 2020 nicht nur die Heimwerker in fieberhafte Aktivität verfielen, sondern auch eine wahre Flut von Vernetzungsangeboten aus eher spirituell geprägten Kreisen bei mir einging. Aktionismus gegen die Angst.

 „Wo soll ich anfangen? Am besten bei Deinen zahlreichen Beschäftigungen, denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit Dir. Ich fürchte, dass Du, eingekeilt in Deine zahlreichen Beschäftigungen, keinen Ausweg mehr siehst und deshalb Deine Stirn verhärtest; dass Du Dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, Du entziehst Dich von Zeit zu Zeit Deinen Beschäftigungen, als dass sie Dich ziehen und Dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz anfängt, hart zu werden.“ (Bernhard von Clairvaux, mittelalterlicher Abt und Mystiker, um 1090 – 1153)

Der Wert des Nichtstuns

Wenn der Verstand ruht, arbeitet das Unterbewusstsein

Beim Nichtstun passiert nicht nichts.
Nichtstun ist eine Art zu tun, die allerdings eher ein Mäandrieren als ein zielgerichtetes Vorstoßen ist.
Wissenschaftlich formuliert verlagert sich der Fokus unserer Aktivität beim Nichtstun nach innen, auf eine Ebene, die anders funktioniert als unser bewusster Verstand. Mittlerweile kann die Wissenschaft sogar nachweisen, dass das Unterbewusstsein einen Beitrag zu unserer Produktivität leistet.

Darauf weist unter anderem Cal Newport in seinem Werk „Deep Work“ hin, dessen Fokus auf der maximalen Nutzung unserer intellektuellen Kapazität liegt. Er empfiehlt seinen Lesern nach Phasen intensiver Arbeit faul zu sein, um dem Unterbewusstsein Raum für seine Arbeit zu geben. In der weiterführenden Begründung beschreibt unter anderem die „Unconscious Thought Theory (UTT)“ nach der unser Unterbewusstsein besser als unser bewusster Verstand in der Lage ist, Schlüsse aus großen Mengen sich z.T. widersprechenden Informationen zu ziehen. Grundlage dafür soll die höhere neuronale Bandbreite sein, die den unterbewussten Hirnarealen zur Verfügung steht.

Diese wissenschaftliche Erkenntnis stimmt in wundervoller Weise mit der Aussage des spirituellen Lehrers Eckhart Tolle überein, dass der Bereich des Bewusstseins viel größer ist, als sich mental ermessen lässt. Und ich persönlich finde es faszinierend, dass die Forschung tatsächlich einen Weg gefunden hat, sich die Intuition zu erklären.

„Ich habe mich oft gefragt, ob nicht gerade die Tage, die wir gezwungen sind, müßig zu sein, diejenigen sind, die wir in tiefster Tätigkeit verbringen? Ob nicht unser Handeln selbst, wenn es später kommt, nur der letzte Nachklang einer großen Bewegung ist, die in untätigen Tagen in uns geschieht? Jedenfalls ist es sehr wichtig, mit Vertrauen müßig zu sein, mit Hingabe, womöglich mit Freude. Die Tage, da auch unsere Hände sich nicht rühren, sind so ungewöhnlich still, dass es kaum möglich ist, sie zu erleben, ohne vieles zu hören.“ (Rainer Maria Rilke, deutsch-österreichischer Lyriker, 1875 – 1926)

Inspiration und Intuition wahrnehmen  

Kunst, Kultur und Weisheitstraditionen nutzen das Nichtstun seit Jahrtausenden ganz bewusst für ihr Schaffen. Beispielsweise verbrachte Carl Gustav Jung, schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie (1875-1961), die Nachmittage während seiner Schreib-Retreats zumeist mit Meditation oder langen Spaziergängen (CURREY 2013).

Im Sinne der Nutzung unseres kreativen Potentials für die Innovation unserer Gesellschaft bringt es Otto Scharmer,  Autor von „Theorie U“, auf den Punkt: „Was passiert zu Beginn eines kreativen Prozesses? Nichts! Kreativität erfordert, dass wir Raum schaffen und darauf warten, dass etwas entsteht.“

Clarissa Pinkola Estés  beschreibt es mit Bezug auf das (weibliche) Seelenleben ähnlich. Sie konstatiert, dass es erwiesen sei, „…dass gewolltes Alleinsein den Nährboden für jegliche Produktivität bildet. […] [W]ährend dieser Zeit [gäbe uns die wilde Seele] Ideen ein, die wir in Gedanken aussortieren, um zu sehen, welche am produktivsten sind und in die Tat umgesetzt werden sollten“ (Die Wolfsfrau, S. 357).

Ganz kompromisslos formuliert es am 11. März 1828 Johann Wolfgang von Goethe, deutscher Dichter (1749 – 1832): „Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat“ (ECKERMANN 1848).

Stimmige Entscheidungen treffen

Was wollen wir wirklich?

Nichtstun kann uns dabei  unterstützen, in unserem Leben das zu tun, was wir wirklich wollen.

In dem Kapitel „Jenseits des Denkens“ seines Buches „Stille spricht“ schreibt Eckhard Tolle: „ Der Verstand ist ein nützliches, machtvolles Werkzeug, aber er ist auch sehr einengend, wenn du dein Leben vollkommen ihm überlässt und nicht erkennst, dass er nur ein kleiner Aspekt deines Bewusstseins ist, das du bist (ebd., S.21)

In unserer produktiven, verstandesorientierten Welt, ist für viele Menschen ist die Ebene, die sie mit dem Nichtstun betreten, eine, die sie sich nur selten erlauben wahrzunehmen. Eine Art Terra incognita in ihnen selbst und meist ebenso Projektionsfläche für Wünsche und Ängste, wie es die unerforschten Länder für die historischen Seefahrer waren.

Was fühlen wir wirklich?

Eins dieser „unbekannten Länder“ ist das der Gefühle und Emotionen. Nach den Gefühlen zu ihren Coaching-Anliegen befragt, sind meine Klienten oft ratlos und verwirrt.

Erlauben wir uns, nichts zu tun und nur den Gefühlen Raum zu geben, stellen sich tiefe Einsichten ein.
Zum einen zu ganz individuellen Wünschen und auch Bedürfnissen, wie zum Beispiel einer Reiselust, die während der Studienzeit ausgekostet wurde, aber doch jetzt im Berufsleben bitte keine Rolle mehr spielen soll.
Zum anderen werden aber auch Ängste, innere Antreiber und Glaubenssätze sichtbar, die uns geprägt haben und zum Beispiel dazu führen, dass wir uns in Beziehungen ausgenutzt fühlen, weil wir es immer allen recht machen wollen.  

Kurswechsel?

Das Nichtstun gibt uns die Möglichkeit, uns Fragen zu stellen, und die Antwort zu finden, die für mich persönlich stimmig ist. Es kann zum Beispiel passieren, dass wir entdecken, dass wir gar nicht mehr in ein vermeintlich sicheres  System passen wollen. Dass wir nicht erst im Rentenalter, also nachdem wir unser Soll erfüllt haben, frei sein wollen.

Der Weg des Nichtstuns mag also vielleicht zunächst länger und unangenehmer scheinen. Unter anderem, weil durch die gewonnene Selbsterkenntnis ein „Weiter-So im alten Stil“ viel schwerer wird. Letztlich können wir auf ihm aber den Mut und die Willenskraft finden, den in unserem tiefsten Inneren ersehnten Kurswechsel zu vollziehen und unsere eigenen Talente zu leben. 

„Yes, there are two paths you can go by, but in the long run, there´s still time to change to road you´re on”. (Led Zeppelin, Stairway to Heaven, 1971)

Fazit

Nichtstun unterstützt uns dabei, in unserem Leben voranzukommen.

Durch bewusstes Nichtstun lassen wir unserem inneren Kompass Zeit, sich auf ein Ziel auszurichten, das nicht nur rational sondern auch auf der Herzensebene zu uns passt. Vielleicht reicht die Zeit sogar, um der einen oder anderen alten Angst zu begegnen, die uns bislang angetrieben hat, und ihr den Abschiedskuss zu geben.

Durch Nichtstun versetzen wir uns in die Lage, wahrhaft stimmige Entscheidungen für uns selbst und letztlich diese Welt zu treffen.

„Eine gewisse Anzahl von Müßiggängern ist notwendig zur Entwicklung einer höheren Kultur.“ (Miguel de Unamuno, spanischer Philosoph und Schriftsteller, 1864 – 1936)

Quellen

Bilder: Pixabay

Cal Newport (2016) Deep Work. London, Pikatus. ISBN: 978-0-349-41190-3

Clarissa Pinkoa Estés (1993): Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte. München, Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG. ISBN: 978-3-453-13226-9

Eckhart Tolle (2003): Stille spricht. Wahres Sein berühren. München, Arkana. ISBN: 978-3-442-33705-7

Johann Peter Eckermann (1848): Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Dritter Theil. Magdeburg, Heinrichshofen´sche Buchhandlung. – 11. März 1828 –  https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/eckermann_goethe03_1848?p=260 (Zugriff am 09.02.2021)

Mason Currey (2013): Daily rituals: How artists work. New York, Knopf. ISBN-13: 978-0307273604

Zitate von www.einfachbewusst.de/2019/03/zitate-langsamkeit/ (Zugriff am 08.02.2021)

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